100K in 60 Tagen? Warum ich solche Versprechen gefährlich finde
Neulich abends, halb elf, Handy in der Hand. Und da war er wieder, dieser Screenshot. Stripe-Dashboard, grüne Kurve, 103.480 Euro. Darunter der Satz: „In nur 60 Tagen. Und ich zeige Dir genau, wie."
Ich hab das Handy weggelegt und gemerkt, dass mein Puls hochgegangen ist. Nicht vor Begeisterung. Eher so ein flaues Gefühl im Magen, wie damals in der Schule, wenn alle anderen die Hausaufgaben hatten und ich nicht.
Genau darum geht es in diesem Artikel. Nicht darum, ob 100.000 Euro Umsatz in zwei Monaten möglich sind. Sind sie. Sondern darum, was in solchen Screenshots systematisch fehlt, warum sie so viele Selbstständige unter Druck setzen und was Du in 60 Tagen wirklich aufbauen kannst, wenn Du bei null anfängst.
Was „100K in 60 Tagen" wirklich beschreibt
Das Wort, auf das es ankommt, steht selten dabei: Umsatz.
Umsatz ist das Geld, das reinkommt, bevor irgendjemand bezahlt wurde. Bevor die Werbeanzeigen abgerechnet sind, bevor die VA ihre Rechnung stellt, bevor das Finanzamt zuschlägt. Umsatz ist die höchste Zahl, die man ehrlicherweise nennen darf. Deswegen wird sie genannt.
Und dann ist da noch das mit den 60 Tagen. Der Launch dauerte zwei Monate, ja. Was die zwei Monate davor möglich gemacht hat, taucht in keinem Screenshot auf: eine E-Mail-Liste mit 8.000 Leuten, drei Jahre Podcast, ein Netzwerk aus Kolleginnen, die den Launch mitgetragen haben, ein Produkt, das im dritten Durchlauf endlich sitzt.
Die 60 Tage sind nicht gelogen. Sie sind nur der letzte Meter eines Marathons, fotografiert als wäre es der ganze Lauf.
Die Rechnung, die keiner zeigt
Rechnen wir das mal durch. Nehmen wir an, die 100.000 Euro stimmen. Ein typischer Launch mit bezahlter Werbung, Kurspreis 997 Euro, also grob 100 Verkäufe.
- Werbebudget für Leads und Retargeting: schnell 25.000 bis 35.000 Euro, wenn ein Webinar-Funnel dahinter steht
- Affiliate-Provisionen an Kolleginnen, die mit beworben haben: nochmal 10.000 bis 20.000
- Tools, Zahlungsanbieter, Kursplattform, Grafik, Copy, VA: 5.000
- Steuern
- Und die Rückerstattungen, die vier Wochen später kommen und in keinem Screenshot mehr auftauchen
Was am Ende auf dem Konto bleibt, liegt oft irgendwo zwischen 20.000 und 40.000 Euro. Immer noch ein großartiger Launch. Nur eben eine ganz andere Geschichte als die auf der Kachel.
Und in dieser Rechnung ist noch keine einzige Arbeitsstunde bezahlt. Nicht die achtzig Stunden Kursaufnahme, nicht die vier Wochen Verkaufsphase, in denen die Person praktisch nichts anderes gemacht hat.
Warum diese Zahlen so gut funktionieren
Große Zahlen verkaufen, weil sie eine Abkürzung versprechen. Und Abkürzungen sind besonders attraktiv, wenn Du gerade müde bist.
Wer sucht abends um halb elf nach „Geld verdienen im Internet"? Meistens jemand, der genug hat. Vom Job, von der Unsicherheit, vom Gefühl, sich zwischen Geld und Freiheit entscheiden zu müssen. In dieser Stimmung wirkt eine Zahl wie 100K wie ein Ausweg.
Dazu kommt ein zweiter Effekt, den ich fast schlimmer finde. Diese Zahlen verschieben Deinen Maßstab. Du hast im dritten Monat Deiner Selbstständigkeit 600 Euro verdient. Objektiv: Du hast fremden Menschen etwas verkauft, das es vor Dir nicht gab. Gemessen an der Kachel: Du bist gescheitert.
Ich kenne Frauen, die ein funktionierendes kleines Business hingeworfen haben. Nicht weil es nicht lief. Weil es nicht schnell genug lief, verglichen mit einem Screenshot, dessen Kontext sie nie gesehen haben.
Was dabei am meisten Schaden anrichtet, ist der Ton, in dem Du danach mit Dir selbst redest. Bei mir hat sich das erst geändert, als ich angefangen habe, an meiner Sprache zu arbeiten, nach innen wie nach außen. Falls Du Dich in Gesprächen oft kleiner machst als Du bist: so lernst Du, klar zu sagen, was Du meinst, ohne Dich zu verbiegen*.
Was in 60 Tagen tatsächlich drin ist
Jetzt der ehrliche Teil. Wenn Du heute anfängst, Dein Online Business aufzubauen, keine Liste hast, keine Reichweite, kein Produkt, dann sind das realistische Ergebnisse nach zwei Monaten:
Du hast ein Angebot, das Du an drei Menschen verkauft hast. Vielleicht sind es fünf. Der Umsatz liegt irgendwo zwischen 0 und 1.500 Euro, und in dieser Spanne steckt der wichtigste Teil des ersten Jahres.
Denn Du weißt jetzt Dinge, die Du vorher nicht wusstest. Welche Frage Deine Leute wirklich stellen, wenn sie kurz vorm Kauf sind. Welcher Satz auf Deiner Verkaufsseite alle irritiert. Ob Dir das Thema nach acht Wochen immer noch Spaß macht, oder ob Du eigentlich etwas ganz anderes machen willst.
Das ist der Ertrag der ersten 60 Tage. Nicht Geld. Klarheit.
Beim ersten Onlinekurs kommt oft noch etwas dazu, das niemand einplant: Du merkst nach dem Verkauf, dass Modul drei komplett anders sein müsste. Das ist normal. Es kostet nur eben Zeit, die in keinem 60-Tage-Plan steht.
Realistische Umsatzziele, an denen Du Dich orientieren kannst
Ich mag Zahlen. Also gebe ich Dir welche, aber andere.
Monat 1 bis 3: Dein Ziel ist der erste Verkauf an jemanden, den Du nicht kennst. Nicht die Schwester, nicht die beste Freundin. Ein Fremder, der Geld überweist. Dieser eine Verkauf beweist mehr als jede Marktforschung.
Genau hier hängen die meisten fest, und zwar nicht am Produkt. Sondern daran, dass sich Verkaufen unangenehm anfühlt. Ich hab mich monatelang hinter „Mehrwert liefern" versteckt, weil ich Angst hatte, aufdringlich zu wirken. Wenn Du das kennst: hier gibt es einen Workshop, der genau diese Hemmung auflöst*.
Monat 4 bis 9: Wiederholbarkeit. Verkaufst Du regelmäßig, oder war das ein Zufall? Hier entscheidet sich, ob Du ein Business hast oder ein Hobby mit Rechnungen.
Monat 10 bis 18: Jetzt wird es interessant. Wer bis hierhin dranbleibt, landet erfahrungsgemäß irgendwo zwischen 500 und 2.500 Euro Umsatz im Monat. Nebenberuflich, mit ein paar Stunden pro Woche.
Ab Jahr zwei: Für viele wird es hier zum ersten Mal ein Einkommen, von dem man leben kann. Manche schneller. Die meisten nicht.
Zwei Jahre. Ich weiß, das klingt neben „60 Tage" nach einer Ewigkeit. Es ist trotzdem die Zeitspanne, in der die allermeisten stabilen Online Businesses entstanden sind, die ich kenne. Auch die von den Leuten mit den Screenshots.
Woran Du erkennst, ob ein Versprechen seriös ist
Ein paar Fragen, die ich mir inzwischen automatisch stelle:
- Steht dabei, ob es Umsatz oder Gewinn ist? Wer das freiwillig auseinanderhält, hat meistens nichts zu verstecken.
- Wird die Vorgeschichte erwähnt? Also Liste, Reichweite, Werbebudget, wie viele Launches vorher schiefgingen.
- Kommt das Wort „System" oder „Blaupause" in Verbindung mit einer festen Zahl vor? Dann wird Dir gerade Planbarkeit verkauft, die es nicht gibt.
- Gibt es Teilnehmerinnen, die nicht das Traumergebnis hatten, und redet jemand über die?
- Und der Klassiker: Verdient die Person ihr Geld hauptsächlich damit, anderen zu erklären, wie man Geld verdient?
Der letzte Punkt ist kein Ausschlusskriterium. Es gibt hervorragende Business-Coaches. Aber es lohnt sich zu wissen, wo der Umsatz herkommt.
Was ich stattdessen tun würde
Wenn Du gerade am Anfang stehst und Dich diese Zahlen nervös machen, würde ich zwei Dinge ändern.
Erstens: Hör auf, Umsatz zu Deinem einzigen Erfolgsmaß zu machen, solange Du noch keinen hast. Miss stattdessen Dinge, die Du beeinflussen kannst. Wie viele Menschen haben diese Woche von Dir gehört? Wie viele haben geantwortet? Wie viele Gespräche hast Du geführt, in denen jemand sein Problem beschrieben hat? Das sind die Vorstufen von Umsatz, und sie kommen zuverlässig zuerst.
Für den ersten Punkt, also Sichtbarkeit, war Pinterest bei mir der einzige Kanal, der ohne tägliches Posten funktioniert hat. Ein Pin arbeitet Monate später noch. Wenn Du wissen willst, wie Du damit planbar Leser auf Deinen Blog bekommst: diesen Kurs habe ich selbst durchgearbeitet*.
Zweitens: Entfolge für vier Wochen jedem Account, der Dich mit Zahlen konfrontiert. Das ist keine Verdrängung, das ist Hygiene. Vergleichen ist im Aufbau eines Business ungefähr so hilfreich wie beim Kochen ständig in den Topf der Nachbarin zu schauen.
Mein eigener Blog hat im ersten Jahr ungefähr elf Euro über Affiliate-Links verdient. Elf. Ich hab das damals niemandem erzählt, weil es sich peinlich anfühlte. Heute finde ich es die ehrlichste Zahl, die ich habe.
Häufige Fragen
Sind 100.000 Euro in 60 Tagen überhaupt möglich?
Ja. Mit einem bestehenden Publikum, einem erprobten Angebot und Werbebudget passiert das regelmäßig. Ohne diese drei Dinge praktisch nie. Die Frage ist also nicht, ob es geht, sondern was vorher da war.
Ich mache seit sechs Monaten alles richtig und verdiene fast nichts. Mache ich etwas falsch?
Wahrscheinlich nicht. Sechs Monate sind im Aufbau eines Online Business eine kurze Zeit. Prüf trotzdem eine Sache: Hast Du überhaupt schon etwas zum Kauf angeboten, klar und direkt? Sehr viele bauen monatelang Content und verkaufen nie aktiv. Sichtbarkeit allein zahlt keine Miete.
Lohnt sich ein Onlinekurs dann überhaupt noch?
Ja, aber später als die meisten denken. Ein Kurs verkauft sich gut, wenn Du das Problem Deiner Leute schon einmal einzeln gelöst hast, idealerweise gegen Bezahlung. Erst das Coaching oder die Dienstleistung, dann der Kurs. Andersrum drehst Du monatelang Videos für ein Problem, das Du nur vermutest.
Wie viel sollte ich am Anfang investieren?
So wenig wie möglich. Domain, Hosting, ein E-Mail-Tool. Das reicht für die ersten Monate. Werbeanzeigen ergeben erst Sinn, wenn Du weißt, dass Dein Angebot organisch verkauft. Sonst zahlst Du dafür, dass mehr Menschen nicht kaufen.
Wie gehe ich damit um, wenn im Umfeld alle schneller wirken?
Meistens wirken sie nur schneller. Was Du siehst, ist die Auswahl, die jemand freiwillig zeigt. Kein Mensch postet den Launch, bei dem zwei Leute gekauft haben. Genau die sind aber der Normalfall, auch bei den Großen.
Fazit
100K in 60 Tagen ist meistens Umsatz, nicht Gewinn, und fast immer das Ergebnis von Jahren, die aus dem Bild geschnitten wurden. Gefährlich wird es nicht, weil die Zahl falsch ist, sondern weil sie Deinen Maßstab verstellt, bevor Du überhaupt angefangen hast.
Realistisch sind in den ersten 60 Tagen ein fertiges Angebot, die ersten paar Verkäufe und ziemlich viel Klarheit darüber, was Du nie wieder so machst. Nach anderthalb Jahren ein Nebeneinkommen. Nach zwei bis drei Jahren, wenn Du dranbleibst, ein Business, das trägt.
Das klingt langsamer. Es ist auch langsamer. Dafür bleibt es.
P.S. Falls Du gerade in einem Programm steckst, das Dir große Zahlen versprochen hat: Das heißt nicht, dass es schlecht ist. Schau nur nach, ob die Ergebnisse, die gezeigt werden, unter Deinen Voraussetzungen entstanden sind. Und falls Du noch gar nicht angefangen hast und einfach einen unaufgeregten ersten Schritt suchst, dann wäre Sichtbarkeit über Pinterest* meiner.
*Bei den mit Sternchen markierten Links handelt es sich um Affiliate-Links. Wenn Du darüber etwas kaufst, bekomme ich eine kleine Provision. Für Dich ändert sich am Preis nichts.
Geh den ersten Schritt
Lies hier weiter
Instagram Reichweite steigern: der Trick, den gerade fast keiner nutzt
Du willst Deine Instagram Reichweite steigern, ohne stundenlang in Canva zu sitzen? Warum Karussells alles schlagen und wie Du eins in 60 Sekunden baust.
Automatisierung im Online-Business
Automatisierung im Online-Business: So baust du Funnels, E-Mail-Marketing und Onlinekurse auf, die auch ohne dich laufen.
Kommunikation im Onlinebusiness: Dein Fahrplan
Kommunikation im Onlinebusiness entscheidet, ob Du beim Verkaufen auf Social Media überzeugst oder überhörst. Dein Fahrplan in drei Phasen.



0 Kommentare